Aus der Ferne mit der Lupe

SK Gernsheim 1 – SC Fulda 1: 5 – 3; Hessenliga, Rd. 1

Im ersten Kampf der Saison ging es nach Gernsheim. Gemessen am Durchschnitt der ersten acht gemeldeten Spieler liegen sie im Mittelfeld der Liga, mit 2144 aber immer noch mehr als 50 Punkte über unseren 2080. Aber wenn wir die Liga halten wollen, ist das genau die Güteklasse, gegen die wir punkten sollten. Insbesondere, wenn sie wie in diesem Kampf mit drei Ersatzspielern antreten. Aber mit nur zwei Punkten an den hinteren vier Brettern konnten wir diese Chance leider nicht nutzen.

Überhaupt war es ein Kampf der verpassten Chancen. Keine offensichtlichen, aber sie waren da. Das soll kein Vorwurf an die betroffenen Spieler sein, im Gegenteil – trotz der Niederlage zeigt der Kampf, dass wir auch gegen starke Mannschaften mithalten können. Und das Pech wird sich sicher im Verlauf der Saison ausgleichen.

Eigentlich waren die Vorzeichen gut – praktisch alle Fuldaer Spieler kamen mit guten Erfahrungen aus der Sommerpause: Albrecht, Marius und Norbert hatten gerade im Schlosspark Open Wiesbaden ihr gutes Niveau aus der Aufstiegssaison bestätigt. Matthias Kierzek hatte das Gleiche bei der Senioren EM getan, Martin Weise hatte nach durchwachsenem Sommer beim MVS – Open in Wächtersbach schließlich die Blutung stoppen können. Ich selbst hatte im Sommer endlich wieder mal ein paar Punkte zurückgewonnen, nur Felix war wohl mehr mit seiner Abschlussarbeit beschäftigt, als mit dem Schachtraining (Skandal!). Aber auch er hatte das MVS – Open in der Vorwoche genutzt, um wenigstens den Staub aus den Kleidern zu schütteln. Einzig der zweite Matthias hatte kein Turnier gespielt. Da er sich aber stattdessen endlich einen Nachnamen zugelegt hatte, den man auch als solchen erkennt, kam auch er mit positiver Stimmung ans Brett.

Töpfer, Albrecht – FM Braun, Vitali (2304): Remis

Am ersten Brett gelang es Albrecht gegen FM Braun seinen Anzugsvorteil aus der Eröffnung ins Mittelspiel zu transportieren und Druck am Damenflügel aufzubauen. Schwarz konnte den Druck zwar aushalten, aber echtes Gegenspiel erlangte er nicht. Wir steigen an der Stelle ein, als Schwarz zumindest versucht, im Zentrum etwas zu initiieren:

Töpfer - FM Dr. Braun, Stellung nach 27. . . e5

Weiß dominiert am Damenflügel, wo die beiden Bauern auf c6 und a7 schwach sind. Das schwache Feld c5 ist ein Sprungbrett nicht nur für den Turm, sondern auch ein idealer Vorposten für den Springer. Mit seinem letzten Zug versucht Schwarz im Zentrum dagegenzuhalten, hat aber im Moment eigentlich nur den König am Schauplatz des Geschehens.

28. f3

Albrecht stoppt die weitere Expansion des e-Bauern und hält die Bauernspannung im Zentrum aufrecht.

28… Te8

Stockfish kennzeichnet diesen natürlichen Zug sofort als einen großen Fehler. Die Bewertung springt von +0,4 auf +2,3! Aber warum ist das so? Aus meiner Sicht ist das keineswegs leicht zu erkennen. Aber offenbar wird der schwarze Turm weiterhin am Damenflügel benötigt, um Weiß dort zu stoppen. So kann Weiß zum Beispiel nicht Ta6 nebst b5 spielen, um die Fesselung des Bauern c6 auszunutzen, solange der Turm auf der b-Linie steht. Daher Weiß jetzt zumindest einen Zug lang dort freie Hand. Aber das reicht noch nicht aus: erst, wenn man auch d5 anheben kann wird der Druck für Schwarz zu groß. Deswegen ist genau jetzt der richtige Moment, um die Bauernspannung im Zentrum zu lösen und dxe5 zu spielen, obwohl der Turm gerade dort zur Verstärkung gekommen ist. Wirklich nicht intuitiv verständlich für mich, aber seht euch selbst die folgenden Varianten nach 29. dxe5 an:

A) 29… fxe5 30. e4! Tc8 (das logische 30… d4 scheitert an 31. Tc5 nebst Sc4+) 31. Td3 Le6 32.Txa7 d4 33. f4 mit Mehrbauern und klarem Vorteil für Weiß.

B) 29… Txe5 30. Ta6 (droht mit b5 die schwarze Stellung zu zerlegen) 30… T5e8 31. b5 Tb8 32. bxc6 Lc8 33. Ta5 und wieder steht Weiß klar besser.

C) 29… Kxe5 (wenn das der beste Zug ist, war Te8 wirklich komplett unnötig) 30. e4 a6 31. Td3 Ke6 32. Sc4+ Kf4 33. Kf2 Kg5 34. exd5 cxd5 35. Sb6 und sowohl der a-Bauer als auch der d-Bauer fallen.

Diese Varianten sehen einfach aus, aber um zu bemerken, wie sehr das natürliche Te8 die Stellung verändert hat, benötigt man entweder einen Prozessor oder sehr feine Antennen. Denn in allen Varianten ist es wichtig, dass zuerst auf e5 getauscht wurde und dem Schwarzen scheinbar das volle Zentrum überlassen wird. Und nicht vergessen, der Partiezug 29. Sb3 sieht ja auch sehr gut aus. Er ist schließlich auch die logische Fortsetzung des bisherigen Plans. Es überrascht also nicht, dass sich beide Spieler einig waren, dass Weiß nicht auf e5 nehmen soll. Zum Beleg zog Schwarz 29… Te7, wonach dxe5 wieder die gleichen Motive ermöglicht. Und sogar in der Schlussstellung, als sich Albrecht und sein Gegner auf Remis einigten, war dxe5 ein starker Zug, der Weiß in Vorteil gebracht hätte. Am Ende stand somit ein leistungsgerechtes Remis, bei dem Albrecht nie in Gefahr war, die Kontrolle zu verlieren. Keine schlechte Leistung gegen einen so starken Gegner. Dennoch, wenn einen der Computer so mit der Nase drauf stößt, hat man das Gefühl, dass etwas liegengelassen wurde. Aber nochmal: Während der Partie hatte niemand das Gefühl, auch nicht die allwissenden Kiebitze. Und ehrlich gesagt: ohne Computeranalyse hätte ich das auch bis heute nicht gehabt.

Schupp, Uwe (2086) – Fritz, Marius: Remis

Marius Gegner hatte sich in seiner englischen Eröffnung vermutlich eine positionelle Herangehensweise erträumt, doch trotz der schwarzen Steine sprang Marius ihn regelrecht an und übernahm schon früh die Initiative. In der folgenden Stellung hat er bereits seine Dame zum Königsflügel überführt und den f-Bauern ins gegnerische Lager gerammt. Alles steht bereit für den Königsangriff, überraschend daher, dass Marius sich hier die Chance entgehen ließ, den Angriff zu verstärken.

Schupp - Fritz, Stellung nach 13. Se4

Mit 13… Sg4 und der platten Mattdrohung auf h2 konnte Marius hier einen Bauern gewinnen: 14. h3 (14. h4 fxg3 15. fxg3 Sxg3 ist analog) 14… fxg3 15. fxg3 (15. hxg4 geht nicht wegen Dh2#) 15… Sxe3 Dc1 Sxg2 16. Dxh6 gxh6 17. Kxg2

Schupp - Fritz, Analysediagramm

Der Mehrbauer ist zwar “nur” ein Doppelbauer auf der h-Linie und die Verwertung ist sicher um einiges schwieriger, als es die Computerbewertung vermuten lässt. Trotzdem war diese Abwicklung besser als der Partiezug 13… Sxe4, was wieder zu einer ausgeglichenen Stellung führte. Danach blieb die Partie lange ausgeglichen, bis der Computer in der folgenden Stellung, in der der Computer wieder heftig ausschlägt:

Schupp - Fritz, Stellung nach 35. Kh3

Marius Gegner hat vor ein paar Zügen einen Bauern für aktives Spiel gegeben. Der Computer ist nicht überzeugt und gibt nur einen leichten Vorteil für Schwarz. Doch anstatt nach 34. De2+ bescheiden mit dem König wieder auf die Grundreihe zurückzukehren, spielt Weiß weiter aktiv und zieht seinen König von g2 nach h3. Die Computerbewertung springt direkt auf -3 für Schwarz. Aber ähnlich wie bei Albrechts Partie ist mir nicht sofort klar, warum. Marius spielte 35… Dg4+ 36. Kg2 Dd7 37.Dxd7 Lxd7, musste jedoch feststellen, dass sich im Läuferendspiel trotz Mehrbauern keine Fortschritte erzielen lassen. Remis im 44. Zug.

Stockfish möchte dagegen in der Diagrammstellung 35… Df1+ spielen und den weißen König mit 36. Kh4 Df5 auf Matt stellen. Jetzt funktioniert der Trick 37. Lg8+ Kxg8 38. Dxe8+ Kh7 39. Dxh5 nur, wenn Schwarz brav mitspielt. Nach 37… Kh8! muss Weiß aber immer noch das Matt auf g4 abwehren und zusätzlich hängt jetzt auch der Läufer auf g8. Weiß kann sich daher eigentlich nur mit 37. Dg5 verteidigen. Nun führt 37… Dxg5 zu einem remisen Endspiel wie in der Partie. Daher 37… Dd3!

Schupp - Fritz, Analysediagramm

Schwarz hat gegenüber der Ausgangsstellung klare Fortschritte gemacht: Die Dame steht auf einer dominanten Position, der Läufer kann auf g6 ins Spiel eingreifen und den König sichern, der zentralisierte weiße Läufer greift nichts an und muss von der Dame gedeckt werden. Und der Mehrbauer ist auch immer noch vorhanden. Kurz und gut: Schwarz steht riesig, aber es gibt noch keinen forcierten Gewinnweg. Hier zwei Beispielvarianten, die die schwarzen Möglichkeiten illustrieren:

A) 38. De5 Lg6 39. De6 Dd4+ 40. Kh3 Dxb4 41. Dg8+ Kh6 42. Dh8+ Lh7 43. Lg8 Dg4+ 44. Kg2 De4+ und die Damenflügelbauern entscheiden.

B) 38. Kh3 Lg6 39. De5 Dd1 40. Dg5 Df1+ 41. Lg2 Df5+ 42. Dxf5 Lxf5+ 43. Kh4 Kh6 und wegen der Drohung g5 matt muss Weiß einen weiteren Bauern geben.

Vielleicht war es der angesprochene Trick mit Lg8, der Marius vom Schach auf f1 abhielt. Vielleicht hat er auch das Läuferendspiel in der Partie anders eingeschätzt. Schließlich sind Endspiele mit gleichfarbigem Läufer und Mehrbauern ja in der Regel gewonnen. Auf jeden Fall war es ähnlich wie bei Albrecht. Als sich die Chance ergab, war es im Rahmen einer von beiden Seiten akzeptierten und antizipierten Abwicklung. Gerade in solchen Situationen ist es besonders schwierig, die Veränderung zu erkennen. Schade drum. Insbesondere weil Marius so seiner guten Leistung nicht die Krone aufsetzen konnte.

Kierzek, Matthias – Müller, Maximilian (2295): 0-1

Matthias hatte das Pech, in eine Variante zu laufen, die sein Gegner sehr gut kannte. Trotzdem gelang es ihm, die Partie lange grob ausgeglichen zu gestalten.

Kierzek - Müller, Stellung nach 27. . . exd5

Schwarz hatte zuletzt immer mehr die Initiative übernommen und hat nun in dieser offenen Stellung einen Freibauern und Läufer gegen Springer. Matthias spielte 28. Sc3, was nach 28… Lc5+ 29. Kf1 Ld4 wegen der Fesselung des Springers zu einem verlorenen Endspiel führte: 30. Tc1 Tc8 31. Se2 Txc1+ 32. Sxc1 Lb2 und der a-Bauer ist verloren.

Aber wie kann man die weiße Stellung halten? Stockfish schlägt 28. Sf2 vor, was es Weiß ermöglicht, die Königsflügelbauern auf weiße Felder zu stellen (f5, g4, h3) auf denen der gegnerische Läufer sie nicht erreichen kann. Gegebenenfalls kann der Springer auch den d-Bauern auf d3 blockieren. Eine Beispielvariante ist 28. Sf2 Tc8 29.b4 Tc3 30.f5 b6 31. Kf1 a5 32. bxa5 bxa5 33.a4 Tf3 34. Ke2 Txf5 35. Sd3 Ld6 mit Bewertung 0.0. Das mag für den Computer gelten, ich persönlich sehe an jeder Stelle Probleme für Weiß und Chancen für Schwarz.

Kierzek - Müller, Analysediagramm

Realistisch gesehen ist die Ausgangsstellung für mich Otto-Normal-Patzer kaum zu halten. Das Problem liegt auch nicht dort, sondern in der Tatsache, dass sich Schwarz in der Variante auskennt und offensichtlich wohlfühlt, während Matthias sich jeden Zug erarbeiten musste. In solchen Situationen akkumulieren sich fast zwangsläufig kleine Vorteile. Pech für uns, dass Matthias diesmal in diese Situation kam. Anders formuliert, einfach dumm gelaufen…

Rosenberger, Frank (2041) – Weise, Martin: 1-0

Eine, sagen wir mal “unorthodoxe”, Partie, zu der wir Mitspieler alle eine feste Meinung hatten. Diese orientierte sich aber wohl mehr am Ergebnis als an den tatsächlichen Stellungen. Martins König geriet nämlich am Damenflügel scheinbar mächtig unter Druck, als die weißen Bauern frühzeitig los stürmten, unterstützt von den beiden Türmen. Der Computer ist aber keineswegs so klar im Urteil, wie es die Mannschaft beim Abendessen war. Tatsächlich stand Martin nach der Eröffnung sogar klar besser. Der entscheidende Wendepunkt kam erst in dieser Stellung:

Rosenberger - Weise, Stellung nach 26. Kf1

Man sieht schon an der Bauernstruktur, dass die bisherige Partie ungewöhnliche Wege gegangen ist. So hat Weiß zum Beispiel nicht rochiert, sondern mittels des Manövers Ke1-d2, Th1-b1 Kd2-e1-f1 den König auf den jetzigen Platz gebracht. Zählt man aber einmal durch, zeigt sich, dass Weiß damit einen Zug langsamer ist, als bei dem konventionellen Weg 0-0, Tf1-b1, Kf1. Originell aber ineffizient. So war es eigentlich kein Wunder, dass Martin ein paar Züge zuvor schon großen Vorteil hatte, was das kiebitzende Publikum aber wenig zu schätzen wusste. Während wir beim Abendessen diskutierten, warum man diese Variante spielt und weshalb Martin sich so einem Angriff aussetzte, sieht die vom Ausgang unbelastete Engine den schwarzen Vorteil zeitweise sogar bei -5. Wie auch immer, in den letzten Zügen hatte Martin für Vereinfachungen einen Bauern zurückgegeben, so dass der Vorteil nicht mehr ganz so groß ist. Aber im Großen und Ganzen hat sich der Sturm gelegt und der schwarze Vorteil ist immer noch real. Nach dem logischen 26… b6 erweist sich der weiße Rammbock auf a6 nämlich als Schwäche. Zum Beispiel 27. a7 Kb7 28. Ta4 Ta8 29. T1a1 The8 30. Le3 f5 31. g3 Te4 und Schwarz dominiert.

Martin spielte jedoch 26… Te6 wonach 27. axb7 Weiß in Vorteil brachte, der sich nach 27… The8 noch vergrößerte (Kxb7 war Pflicht), denn nach 28. Ld2 fällt der schwarze b-Bauer (28… c3 geht nicht wegen 29. Lc3 bxc3 Ta8#).

Danach gab es leider kein zurück mehr und Martin musste nach 54 Zügen aufgeben.

Gauss, Matthias – Mao, Kevin (2050): 1-0

Matthias erzielte direkt aus der Eröffnung heraus eine gute Stellung, mit viel Druck auf das schwarze Zentrum. In der folgenden Stellung versuchte Schwarz sich zu befreien und mit einem Freibauern Gegenspiel zu erhalten.

Gauss - Mao, Stellung nach 17. c4

Schwarz spielte 17… d4, wonach Df5 stark gewesen wäre. Denn nach 18. Te8 kann mit 19. f4 der Läufer vertrieben werden, und der Bauer auf d4 geht direkt verloren. Matthias wählte einen etwas anderen Weg, aktivierte den Randspringer und gewann kurz danach den Bauern auf a5. Ein paar Züge später ist die folgende Stellung entstanden:

Gauss - Mao, Stellung nach 23. Tb3

Weiß hat einen Mehrbauer, aber der Springer auf b7 sucht noch den Weg zurück zu seinen Kollegen. Doch der schwarze König steht unsicher und der Le5 hält sich an das Motto “schlechte Läufer decken gute Bauern”. Weiß muss also besser stehen. Eine Idee für Weiß ist sicherlich Tb5 nebst Sxc5, weswegen in der konkreten Stellung der Computer Tfb8 vorschlägt. Dies bindet auch die Dame an den Springer und erschwert somit ein Manöver wie oben (Dame wegziehen, mit f4 den Läufer vertreiben). Was jedoch nicht geht, ist direkt den Bauern zurückzugewinnen, wie sich in der Partie schnell zeigte. 23… Txa2 ermöglicht nämlich 24. Dg4+ Kh8 25.f4 Lc7 Hier war der Zwischenzug 25… Tg8 Pflicht, wonach Matthias immerhin noch 26. Dh4 finden müsste, denn 26. Df5 bringt wegen 26… Lc7 nichts: 27. Sxc5 Ta5 und 27. Dxc5 De2 sind zwei Wege, wie sich Weiß noch vergaloppieren könnte. Nach dem Partiezug beendet jedoch 26. Tg3 die Partie sofort. Insgesamt ein souveräner Vortrag von Matthias, der damit den ersten Brettpunkt der Saison erzielte.

Di Capua, Francesco Stefano (2086) – Sehn, Norbert: 1-0

Eine unglückliche Partie für Norbert. Jeder von uns kennt das: Man hat sich eine neue Variante draufgeschafft, sie auch schon ausprobiert und fühlt sich gut. Und dann kommt diese Partie, in der der Gegner eine superscharfe Variante offensichtlich gut vorbereitet spielt. Man muss in ungewohnten Stellungen selbst seinen Weg finden, kennt zwar die Theorie, doch am Brett sieht alles nochmal anders aus als am Bildschirm. Und irgendwann greift man fehl und wird dafür gnadenlos bestraft. So erging es Norbert diesmal. Es macht also keinen Sinn, wenn ich hier nochmal in der Wunde bohre. Solche Partien gehören dazu, wenn man sein Repertoire erweitert und die Erfahrung wird in vielen zukünftigen Partien wertvoll sein.

Faßler, Felix – Wenner, Frank (2048): 0-1

Eine Partie, die langsam und mit komplexen Manövern begann und erst um den 20. Zug Fahrt aufnahm. Im 25. Zug wurde dann die folgende Stellung erreicht:

Faßler - Wenner, Stellung nach 25. . . Lc3

Felix hat einen Bauern mehr und die Schwerfiguren in der d-Linie aufgereiht. Schwarz hat dafür Gegenspiel am Damenflügel. Die Kombination der aktiven Dame und dem Läufer auf c3 macht Druck auf den Bauern a2. Und wenn dieser fällt, ist vermutlich auch der b-Bauer nicht einfach zu halten. Man kann gut verstehen, dass Felix hier nicht ganz den optimalen Weg findet. Denn natürlich hatte die vorangegangene Manövrierphase viel Bedenkzeit gekostet.

26. Td3

Der Schlüssel zum weißen Vorteil wäre der Damentausch, den man mit dem originellen Manöver Lb6-Lc7-Db6 erzwingen konnte. Zum Beispiel: 26. Lb6 Da6 (die Dame muss die Verbindung zum Lc3 aufgeben) 27. Td3 Lg7 (b4 ist analog) 28. Lc7 Da7+ 29. Kh1 Tbc8 30. Db6 und weil der Läufer auf b7 hängt, ist der Damentausch erzwungen, wonach der Bauer a2 viel leichter zu verteidigen ist.

26… b4 27. Ld4 La6 28. Te3

Hier kommt Felix erstmals richtig vom Weg ab. Mit wenig Zeit zieht er den Turm aus der Schusslinie, übersieht dabei aber eine versteckte Pointe. Verständlich, dass er nicht selbst auf c3 nehmen wollte. Für Weiß wäre es natürlich viel angenehmer, wenn Schwarz von sich aus den Läufer tauschen würde. Angesichts der Möglichkeit De5 sieht es ja auch so aus, als könnte das gelingen. Doch in dieser konkreten Situation war 28. Lxc3 der einzige Zug. Zum Beispiel 28… bxc3 (28… Lxd3 Lf6! und die Herrschaft über die schwarzen Felder bringt Weiß trotz Minusqualität sogar in Vorteil) 29. b4 Da3 30. b6 Dxb6 31. Txd6 Lxb5 32. Tc1. Die entstandene Stellung sieht von weitem unangenehm aus, ist aber immer noch besser, als die Partiefortsetzung. Aber dafür muss man einen kleinen Trick sehen.

28… Ted8

Auch Schwarz übersieht seine Chance. 28… Tbd8 war deutlich stärker, wie die Partie zeigen wird

29. De5 Dxe5 30 Lxe5 Txd1+ 31. Lxd1 Td8

Nichts sprach gegen 31… Lxe5. Jetzt steht Weiß sogar etwas besser

Faßler - Wenner, Stellung nach 31. . . Td8

Weiß hat das schwarze Gegenspiel gut entkräftet und besitzt immer noch seinen Mehrbauern. Eigentlich muss er nur noch 32. Lxc3 Txd1+ 33. Te1 finden, um die Kontrolle über die Stellung zu erlangen. Doch vielleicht wollte Felix nicht in das Endspiel mit ungelichfarbigen Läufern, dass dann entstehen kann. Oder es war die geschrumpfte Bedenkzeit, die ihn den folgenden Zug übersehen und den scheinbar weniger komplizierten Zug 32. Le2 spielen ließ. Aber

32… Ld2

gewinnt die Qualität. Ich hoffe, jetzt versteht man auch, warum 28. Zug Tbd8 besser gewesen wäre 🙂. Gerade in Zeitnot ist ein solcher Zug leicht zu übersehen. Schließlich fesselt der Läufer nicht den Turm, sondern greift ihn quasi von hinten an. Schade für Felix, der bis dahin ja gut gespielt hatte. Aber jetzt ist die Stellung für Weiß plötzlich nicht mehr zu retten und Felix musste im 57. Zug aufgeben.

Sander, Jannik (1919) – Küpper, Martin: 0-1

In meiner Partie gab es wenig Höhepunkte. Mein Gegner ging die Eröffnung zu aggressiv an und lief dann in einen Standardkonter. In der folgenden Stellung hätte ich aber stärker spielen können:

Sander - Küpper, Stellung nach 14. Td1

Hier kann Schwarz mit 14… Txd4 direkt gewinnen: 15. Dxd4 Lxe5 16. Sxb5 (wenn die Dame wegzieht fällt c3 mit Schach) 16… axb5 17. Dd3 Lc8. Ich bin mir nicht mehr sicher, warum ich die Variante nicht gespielt habe, denn gesehen habe ich sie zumindest bis Dd3. Ich vermute, dass mir die Möglichkeit die weißfeldrigen Schachs mit dem Läufer zu blocken entgangen war. Aber auch der Partiezug 14… Lxe5 reicht für klaren Vorteil. 15. Lxb6 Dxb6 16. Dxd8+ Dxd8 17. Txd8 Kxd8 18. Lxb7 Lxc3+ 19. Ke2 (19.Kf2 wäre besser, ändert aber nichts an der Stellungsbewertung) 19…Kc7 und da Weiß jetzt nicht 20. Lxa6 spielen kann steht Schwarz glatt auf Gewinn: 20. Lxa6 20. Kb6 21. Lc8 e6 und der Läufer geht verloren. Das wiederum hatte ich bei 15… Lxe5 gesehen. Schon komisch, wie so ein alter Kopf arbeitet…

So endete der Kampf trotz guter Chancen und guter Leistungen mit einer 3-5 Niederlage für Fulda. Schade. Aber wie eingangs gesagt: zumindest wissen wir jetzt, dass wir in der Liga mithalten können. Und das Glück, dass wir heute verschenkt haben, wird irgendwann zu uns zurückkehren. Da bin ich mir sicher.